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Bordeaux-Weine und ein Schuldbekenntnis

Keine Diskussion nötig: 2 Monate ohne einen einzigen winestreet.ch-Post sind ein absolutes No-Go. Doch im Moment fehlt selbst die Zeit zum Schämen.

Ok, ganz abstinent waren wir während den vergangenen 8 Wochen ja nicht. Aber gesoffen hat man bekanntlich schneller als geschrieben. Und für eine lyrische Aufarbeitung der Weinerlebnisse fehlt aus ausbildungstechnischen Gründen in Moment die Zeit. Aber es gibt Licht am Horizont. Licht in Form eines sich anbahnenden Schlussspurtes. Ich gelobe also bald Besserung. Nicht heute und nicht morgen – aber sicher übermorgen. Tausendfach Tschuldigung also an die (unzähligen!) winestreet.ch-Follower.

Der letzte bezahlbare Bordeaux-Jahrgang?

Als Entschädigung für die Wartezeit gibt’s nachfolgend ein ordentliches Donnerwetter aus einer Bordeaux 2008-Verkostung.

Nach dem endgültig jetzt-aber-final-ultimativen Jahrhundert-Jahrgang 2009 und den schon fast absurden Preiserhöhungen ist 2008 wohl der letzte bezahlbare Bordeaux-Jahrgang für lange Zeit. Wobei bezahlbar dann angesichts des generell (zu?) hohen Preisniveaus auch wieder relativ ist – denn nicht wenige Weine kosten bereits das Doppelte als noch vor dem vorletzten Jahrhundert-Jahrgang 2005. Aber der gebeutelte Weintrinker passt sich diesbezüglich ja schnell an.  

Vorausschicken muss ich noch, dass ich diesmal in echter Bordeaux-Stimmung war – aus welchen Gründen auch immer. Dementsprechend gut fällt das Fazit insgesamt aus. Was auffiel: Nicht wenige der 2008er kamen mit viel Holz und ziemlich moderner Schlagseite daher.

Saint-Emilion & Pomerol

Insbesondere die Merlot-dominierten Saint-Emilion-Weine fand ich fast ausnahmslos grossartig. Alle Weine waren trotz ihres zarten Alters bereits ausserordentlich gut trinkbar und präsentierten sich praktisch durch die Bank mit überbordender Frucht.

Herausragend waren der ungemein frisch wirkende Château La Dominique (39 Franken / boottle.ch), der im direkten Vergleich sehr klassische Château L’Arrosée (46 Franken/Gazzar.ch) sowie der richtig fette Château Beau-Séjour Bécot (65 Franken/Vogel Vins), der mich eher an gehobenes Napa Valley-Geschoss als an Bordeaux erinnerte. Trotzdem saugut. Als einziger weniger gut gefallen hat mir Clos Fourtet (61 Franken/Top Wines). Der kam im direkten Vergleich zu schlank, grün und unnahbar daher. Und auch der teure Château Figeac (102 Franken/Gazzar.ch) wirkte daneben für seinen Preis schon fast enttäuschend – dann schon lieber 2 Flaschen vom L’Arrosée.

Château Nenin (47 Franken/boottle.ch) wirkte aus einer geöffneten Flasche vom Vortag schon etwas mürbe – frisch entkorkt und mit nur 30 Sekunden Belüftungszeit war er aber mit seiner reifen Frucht ausserordentlich gut trinkbar. Ist der wirklich etwas bis 2022? Naja, die Profis müssen es wissen.

Pessac-Leognan

Ein gutes Preis/Leistungsverhältnis darf man Château Haut Bergey (34 Franken/boottle.ch) durchaus attestieren. Zumindest für Bordeaux-Verhältnisse. Da kam ordentlich viel Wumms aus dem Glas, auch wenn er die Eleganz der vorangegangenen Weine vermissen liess. Ein weniger aufregendes Preis/Leistungs-Verhältnis hatte Château Pape Clément (119 Franken/Gazzar.ch): Da war zweifellos ein aristokratischer Monsieur im Glas, doch bevor ich für sowas 120 Franken bezahle, muss ich erst Millionär werden…

Médoc & Margaux

Hier fiel auf, dass die Weine im Geschmack praktisch durchgehend vom Eichenholz dominiert waren. Das machte sie ziemlich angenehm zu trinken, aber auch etwas austauschbar. Insbesondere Château Belgrave (22 Franken/Arvi) und Château du Tertre (35 Franken/Gazzar.ch) machten trotz der nicht abzusprechenden Eleganz mit den deutlichen Vanille-Noten einen arg beliebigen Eindruck. Da ist man mit einem (günstigeren) Neue Welt-Cabernet mindestens genau so gut bedient. Château Ferriere (32 Franken/Gazzar.ch) hingegen war hier schon gut und auch diesmal wieder ein finessenreicher, wenn auch eher moderner Wein – sowas darf schon mal im Keller landen.

Ein Monster war Château Rauzan-Ségla (68 Franken/Gazzar.ch): Ziemlich unbändige Power, dabei aber eben trotzdem seidig und fein, und im Gegensatz zu seinen Kollegen nicht übermässig mit Toastingaromen zugekleistert. Gut, aber 20 Franken weniger wären doch angemessener.

Saint Julien, Pauillac & Saint Estèphe

Château Talbot (49 Franken/Gazzar.ch) war für mich der Inbegriff eines guten Durchschnitts-Bordeaux: Lecker, unkompliziert, fein und frisch - aber nichts, das mir reihenweise feuchte Nächte bescheren würde. Und das darfs halt schon mal bei 50 Franken pro Flasche. Château Branaire-Ducru (46 Franken/Gazzar.ch) war da schon ganz anderes Kaliber – ein durch und durch eleganter und dennoch kraftvoller Wein mit mächtig „Speuz“. Château Lagrange (45 Franken/Gazzar.ch) ist ein unkomplizierter (und etwas überholzter) Spasswein, der meines Erachtens so ziemlich ähnlich daherkommt wie seine 2007er-Version – daher weiss ich nicht, warum ich nochmals 6 Franken mehr zahlen sollte.

Château Clerc Milon (53 Franken/Gazzar.ch) war durchaus ok, allerdings nicht so gut, dass ich mich an irgendwas Spezielles erinnern könnte. Er war halt einfach so da. Der 98-Punkte-Tropfen Château Pontet Canet (124 Franken/Lucullus) war in der Tat ziemlich beeindruckend und etwas vom Edelsten, was in jüngster Zeit an meinen Gaumen gekommen ist. Trotzdem hatte ich jetzt nicht gerade das Bedürfnis, zwecks Anschaffung einer Kiste einen Kleinkredit aufnehmen zu müssen – ganz abgesehen davon, dass es mein Verstand (bedauerlicherweise…) nicht zulässt, für etwas 120 Franken hinzublättern, was vor 6 Monaten noch 56 Franken gekostet hat….

Château Phelan Segur (32 Franken/Gazzar.ch) schliesslich war der Geheimtip des Mannes hinter der Theke. Obwohl ich dessen Euphorie nicht ganz teilen konnte, musste ich attestieren, dass da für 32 Franken durchaus was Ordentliches im Glas stand, das allemal nachhaltiger war als einige teuere Kollegen aus dem Saint Julien. Es fehlte mich schlicht etwas an Finesse – aber wahrscheinlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr die Kompetenz, dies zu beurteilen….

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